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Aktuelle Meldung



26.10.2015 - Kategorie: Südafrika, LD online

LD online: »Gottes Volk in Südafrika«




Deutsche Gemeinde in Johannesburg

 

von Katrin Zürn-Steffens

 

Auszug aus dem »Lutherischen Dienst« 4/2015



Lutherischer Dienst 4/2015

Die Kinder des Kindergartens bei den Proben zum Familiengottesdienst im Mai 2015. – Bild: Zürn-Steffens

Die Kirche von Hillbrow – Bild: heritageportal.co.za

Das Pfarrerehepaar Heiko Zürn und Katrin Zürn-Steffens betreut seit dem Jahr 2011 im Auftrag der EKD die deutsche Gemeinde in Johannesburg. – Bild: Zürn-Steffens

Die Spuren deutscher Einwanderer reichen in Johannesburg weit zurück. 1888 beginnt das Taufregister der evangelischen Gemeinde deutscher Sprache. Zwei Jahre zuvor wurde Johannesburg gegründet – eine Stadt aus Zelten und hastig zusammengezimmerten Schuppen für die vielen Menschen, die aus der ganzen Welt dem Ruf des Goldes in die Hochebene im Herzen des heutigen Südafrikas folgten. 129 Jahre später ist Johannesburg eine Megacity und wirtschaftliches Herz der Republik. In der Provinz Gauteng, dem »Ort des Goldes«, die Johannesburg und Pretoria umschließt, werden 34 Prozent des südafrikanischen und zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts von ganz Afrika erwirtschaftet. Fragt man uns Johannesburger, stehen die Kürzel »GP« auf dem Autokennzeichen für »God’s People«, für alle anderen Südafrikaner stehen sie für »Gangster’s Paradise«.

 

Seit vier Jahren versehe ich hier meinen Dienst als Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Gemeinde deutscher Sprache an der Thomaskirche im reichen Norden der Stadt. Zusammen mit meinem Mann und unseren vier Kindern sind wir zurückgekommen nach Johannesburg, nachdem wir 1998 in Pietermaritzburg unseren Honours Degree in Theologie abgeschlossen hatten. Dazwischen liegen gut zehn Jahre, in denen wir unser Studium beendet und als Pfarrerin und Pfarrer in der württembergischen Landeskirche gearbeitet haben. Wir wurden von der EKD entsandt und haben an der Thomaskirche 2011 als stellenteilendes Ehepaar begonnen, mittlerweile arbeiten wir in zwei Pfarrämtern in der Gemeinde. Unsere Kinder haben zuerst die deutsche Schule in Johannesburg besucht, dann haben wir uns für eine englischsprachige öffentliche Schule in unserem Stadtviertel entschieden. Deutsch ist unsere »Haussprache«, aber wir erwischen uns immer öfter dabei, wie wir auch untereinander Englisch sprechen oder englische Worte einbauen in deutsche Sätze. Wir merken, dass wir unsere Sprache pflegen müssen, um sie für die nächste Generation zu erhalten. Umso größer ist die Anerkennung für Familien, die über Generationen Sprache und Kultur bewahren.

 

Johannesburg ist eine große und anstrengende Stadt mit einem massiven Verkehrsproblem. Sie ist Magnet für alle, die vom wirtschaftlichen Erfolg und sozialen Aufstieg träumen; ihre Elendsviertel werden gespeist von einem nicht abreißenden Strom von Einwanderern aus dem ganzen südlichen Kontinent. Arm und Reich prallen mit ungeschminkter Wucht aufeinander. Jeder möchte ein bisschen Geld machen. So werden die Ampeln an den größeren Straßen zu informellen Märkten für allerlei Autozubehör und Spielzeug. Bettler und fliegende Händler teilen die im Stau aufgereihten Autos unter sich auf. Freundlichkeit und Verkaufstalent setzen sich durch, Tugenden, die gepflegt werden in Johannesburg. Die Stadt ist so dynamisch, dass man manchmal ganze Straßenzüge nicht wiedererkennt, wenn man Monate später wieder durchfährt. Es ist der Ort Südafrikas, an dem es eine Nische für fast jede Verrücktheit gibt.

 

Seit den Anfängen 1888 kamen immer wieder Wellen deutscher Einwanderer nach Johannesburg. Bis zur ausgehenden Kaiserzeit waren sie geprägt von einem starken nationalen Bewusstsein: Als Deutsche wollten sie einen Beitrag leisten, viele deutsche Namen in der Geschichte der Stadt und ihren umliegenden Minen zeugen davon. Eine deutsche Kirche zu bauen, die zugleich als Wahrzeichen deutscher Kultur in der Stadt wahrgenommen wird, war das ehrgeizige Ziel, das die Auswanderer auch über religiöse Grenzen hinweg einte. Denn unter den Deutschen hier gab es nicht wenige jüdischen Glaubens, die ebenfalls Synagogen gründeten. Trotzdem spendeten Juden insgesamt eine bedeutende Summe für den Bau der Friedenskirche – ein Teil des Geldes kam auch aus der Privatschatulle des Kaisers. 1912 fertiggestellt, stand die Friedenskirche leicht erhöht in hellem Stein in der Tat markant inmitten der Stadt. Sie wurde die Mutterkirche des heutigen Zentraldekanats der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Südlichen Afrika – Natal-Transvaal (ELKSA-NT), aus ihr heraus entstand unsere Gemeinde, als in den späten 60er Jahren des 20. Jahrhunderts neue Wohngebiete nördlich des Stadtzentrums entstanden.

 

Die Gemeinde an der Friedenskirche trug schwer an dem ehrgeizigen Kirchbau. Lange bevor die Schulden abbezahlt waren, begann der Erste Weltkrieg. Den Deutschen im britischen Südafrika drohte die Internierung – so wie schon im Zweiten Burenkrieg (1899–1902). Als 1915 ein deutsches U-Boot das amerikanische zivile Linienschiff »Lousitania« versenkte, zog ein Mob durch Johannesburgs Innenstadt und zündete die Geschäfte deutscher und vermeintlich deutscher Geschäftsleute an. Die deutsche Schule schloss vorübergehend ihre Pforten, das Gemeindeleben an der Friedenskirche kam für Monate zum Erliegen. Viele Familien assimilierten sich, gaben ihre deutschen Namen auf und sprachen nur noch Englisch. Möglichst unauffällig begann die Arbeit an der Friedenskirche wieder, ein Schwerpunkt war die diakonische Arbeit für die in Armut oder im Lager lebenden Deutschen.

 

Doch nach Kriegsende blieb die Anziehungskraft Johannesburgs ungebrochen, wieder kamen Einwanderer aus Deutschland. Christen und Juden saßen nun nicht mehr gemeinsam in dem einen deutschen Boot, der Antisemitismus fand auch in Johannesburg reichen Nährboden. Die Weltwirtschaftskrise verschärfte die Konflikte in der jungen Einwandererstadt, neue Gesetze richteten sich vor allem gegen die schwarze Bevölkerung, ihr wurde der gleichberechtigte Zugang zum Arbeitsmarkt ebenso wie das Recht auf freie Wahl des Wohnortes verwehrt. Stattdessen entstanden große Barackensiedlungen für die schwarze Bevölkerung außerhalb der bevorzugten Wohnorte der weißen Bevölkerung. Damit war die Grundlage für die Politik der Rassentrennung und der Benachteiligung der Mehrheit der südafrikanischen Bevölkerung gelegt, die dann durch die Regierungen der burischen Nationalen Partei ab 1948 zur beherrschenden Ideologie wurde.

 

Der Zweite Weltkrieg brachte die Deutschen in der Stadt wieder in Schwierigkeiten, wieder drohte die Internierung, allerdings blieb die Zahl der Internierten weit unter der im Ersten Weltkrieg. Zuvor brachten Zuwanderer zwischen den Kriegen die Ideologie des Dritten Reiches nach Johannesburg. Der deutsche Staat versuchte, Deutsche in Südafrika für das neue Deutsche Reich zu mobilisieren. So gab es eine Ortsgruppe der NSDAP in Johannesburg, auch die deutsche Schule wurde mit einem Rektor, der zugleich Parteimitglied war, »braun«. Widerstand formierte sich in der Gemeinde der Friedenskirche, die sich als Auslandsgemeinde nicht Bischof Heckel und den Deutschen Christen anschloss. Heckel selbst schrieb, Johannesburg sei damit die einzige Auslandsgemeinde weltweit, die sich dem Anschluss verweigert hätte.

 

Südafrika warb in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts aktiv um Fachkräfte aus Deutschland, viele folgten dem Ruf: Handwerker, Ingenieure und Geschäftsleute – alle sahen in Südafrika die Chance auf einen neuen Anfang weit weg vom kriegszerstörten Deutschland. Die Johannesburger Innenstadt rund um die Friedenskirche erlebte eine Blütezeit, die Kulturen der europäischen Einwanderer mischten sich, Cafés, Bars, Restaurants machten Hillbrow zum Szeneviertel. Gleichzeitig beschnitt die Regierung weiter die Rechte der schwarzen Bevölkerung, Johannesburg erlebte international beachtete Prozesse, in denen so bekannte Widerstandskämpfer wie Nelson Mandela zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Die Deutschen, die sich nun in immer mehr Gemeinden in der größer werdenden Stadt sammelten, gehörten auch zu den Profiteuren der Apartheid. Viele in der deutschen Gemeinschaft in Johannesburg waren der Meinung, als Minderheit im Land die politische Entwicklung nicht beeinflussen zu können und somit auch nicht verantwortlich zu sein. Diese Haltung fand Unterstützung in einer Kirche, die meinte, zwischen Evangelium und Politik trennen zu können.

 

Seither ist viel geschehen, das Zentraldekanat, zu dem auch unsere Gemeinde gehört, hat einen tiefen Wandel hinter sich und ist vielleicht das bunteste der ganzen Kirche geworden. Wir an der Thomaskirche sind die einzige Gemeinde, deren Arbeit in deutscher Sprache geschieht. Alle anderen Gemeinden im Stadtgebiet sind englisch geprägt, ihre Mitglieder sind mehrheitlich schwarzer Hautfarbe. Deshalb fällt uns nun auch die Aufgabe zu, für die große deutschsprachige Community in der ganzen Stadt Kirche zu sein. Dies versuchen wir. Wir wollen diese Nische ausfüllen und gleichzeitig Teil einer Kirche sein, die das bunte Südafrika widerspiegelt. Wir sind mit etwa 500 Mitgliedern die größte Gemeinde im Dekanat und zugleich Trägerin eines Kindergartens in deutscher Sprache. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Arbeit im deutschsprachigen Altersheim und die Kontaktpflege zur deutschen Schule. Die Gemeinde hat im letzten Jahr zusammen mit der EKD eine Projektstelle mit dem Auftrag geschaffen, gezielt auf Menschen deutscher Sprache in Johannesburg zuzugehen und ihnen geistliche Heimat zu sein. Ich habe diese Aufgabe übernommen; nach drei Jahren Arbeit in der Gemeinde war das Vertrauen gelegt für dieses Projekt. Gemeinsam mit Menschen in der Gemeinde entwickle ich Ideen und Aktionen, um unseren Bekanntheitsgrad in der Stadt zu erhöhen, um mehr Menschen in unsere Kirche zu bringen. So feiern wir den Reformationstag dieses Jahr zum dritten Mal mit einem Mittelalterfest, das sich über die Gemeindegrenzen hinaus großer Beliebtheit erfreut. Einmal im Monat laden wir freitagabends zur »Kirchenkneipe« ein. Groß und Klein isst und trinkt zusammen, und viele bringen Freunde oder Bekannte mit. So entstehen neue Kontakte, neue Freundschaften, die die Gemeinde stärken. Unsere Jugendarbeit richtet sich an alle Kinder deutscher Sprache, sie ist immer wieder Tür nach außen, und manche Familie hat so zu uns gefunden. Außerdem versuchen wir uns stärker mit deutschen Institutionen – wie dem Goetheinstitut in der Stadt – zu vernetzen, um gezielt Werbung für uns zu machen. Es ist ermutigend zu sehen, dass diese Bemühungen Früchte tragen, dass Menschen den Weg zu uns finden und häufig schnell Verantwortung übernehmen. Wir merken, wie wichtig diese kontinuierliche Ausrichtung nach außen in einem Umfeld ist, das geprägt ist von Fluktuation und in dem wir mit den unendlichen Möglichkeiten einer Großstadt konkurrieren, seine freie Zeit zu verbringen.

 

Die meisten Menschen in unserer Gemeinde kommen zu uns, weil sie ihre Kultur und Sprache pflegen wollen. Deutsch ist ihre Muttersprache, die Sprache, in der das Beten, das Singen leichter fällt, näher am Herzen ist. Gleichzeitig sind sie aber Südafrikaner mit ganzem Herzen. Sie leben hier, nicht in Australien oder Kanada wie so viele Südafrikaner unserer Generation. Es ist unter den Jüngeren in der Gemeinde ein neues Selbstbewusstsein zu spüren: Wir wollen deutsch sein, ja, aber gleichzeitig sind wir eine Johannesburger Kirchengemeinde, die ihren Glauben im Engagement für die Menschen in der Stadt lebt. Dies sieht man in der neuen Hinwendung nach außen, im Engagement für unsere acht Pflegekinder in der Gemeinde und für die Belange des Dekanats und der Kirche. Es macht Freude, Teil dieser jungen Generation zu sein, die in den letzten Jahren Verantwortung übernommen hat. Ich wünsche mir von Herzen, dass wir noch mehr Menschen erreichen, noch mehr Menschen begeistern können für die Botschaft Jesu Christi.

 

Katrin Zürn-Steffens ist Pfarrerin der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und seit 2011 für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zur Betreuung der deutschen Gemeinde für sechs Jahre nach Johannesburg/Südafrika entsandt.

 

Auszug aus dem »Lutherischen Dienst« 4/2015. Wenn Sie die weiteren Artikel lesen möchten – etwa über die vielfältigen diakonischen Aktivitäten in Georgien, über das Treffen der »Global Young Reformers« in Wittenberg, über die Flüchtlingsarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn und über den diesjährigen Sprachkurs des Martin-Luther-Bundes in Erlangen –, dann bestellen Sie den » Lutherischen Dienst kostenlos.

 

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