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Aktuelle Meldung



10.11.2017 - Kategorie: LD online, Ungarn

Der Pharisäer und der Zöllner




Predigt von Bischof Tamás Fabiny bei den ungarische Tagen in Wittenberg

 

Auszug aus dem »Lutherischen Dienst« 4/2017



Lutherischer Dienst 4/2017

Bischof Tamás Fabiny während seiner Predigt in der Schlosskirche in Wittenberg. – Bild: Kiss

Rechts: Dass die Schlosskirche gut besucht war, sieht man auch aus dieser ungewöhnlichen Perspektive. – Bild: Kiss

Im »Himmelszelt« in Wittenberg stellten in diesem Sommer Lutheraner aus aller Welt das kirchliche Leben ihrer Heimat vor. Vom 26. bis 28. August 2017 war die Evangelisch-Lutherische Kirche in Ungarn die gastgebende Gruppe.

Höhepunkt war ein Gottesdienst in der Schlosskirche Wittenberg am Sonntag, dem 27. August, in dem Bischof Tamás Fabiny die Predigt hielt.


Der Pharisäer und der Zöllner

Er sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:
Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, die eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner.
Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: »Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jeder. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.«
Lukas 18,9–14

 

Rechtfertigung ist das zentrale Thema der Theologie Luthers. Wo, wenn nicht hier, in der Wittenberger Schlosskirche, sollten wir uns über die Aktualität dieser Frage Gedanken machen?

Was in der Theologie von Paulus und Luther als scheinbar abstrakt formuliert wird, erzählt Jesus in einem Gleichnis. Er stellt hier eine Situation dar, in der wir uns auch gerade befinden: Zwei Menschen beten in einem Gotteshaus.

Der eine ist ein Pharisäer. Er steht da und betet still. In diesem kompakten Gleichnis Jesu erhält jedes Wort eine Betonung. Im griechischen Text wird der Mann als statheis bezeichnet, das heißt, er betet stehend. Man könnte auch sagen, er stellt sich in Pose. Ähnlich wie wenn jemand eine Rednerpose einnimmt. Er nimmt eine Beterpose ein. Er spielt die Rolle, wie in Großstädten die lebenden Statuen, die als Touristenattraktion dienen, und die für ein eindrucksvolles Foto ein bisschen Kleingeld erwarten. Der Pharisäer stellt sich hin, stellt sich in Positur und fängt an zu beten. Dann wartet er darauf, dass ein himmlischer Fotoapparat klickt und dass vor seinen Füßen Münzen klingeln. Er denkt, die hat er verdient.

Jesus sagt über den Pharisäer: »Er betete bei sich selbst«. Die naheliegende Interpretation ist, dass sich seine Lippen still bewegen. Aber »bei sich selbst« bedeutet viel mehr. Der Pharisäer führt keinen Dialog mit Gott, er spricht einen Monolog. Er sagt die Lektion brav auf: »Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich habe.« Er gibt die Lektion nicht einfach wieder, er ist ausgesprochen übereifrig, ein Streber. Die Gesetze von Mose schreiben nämlich nur einen Fastentag pro Woche vor, aber er überbietet die Norm um 100 Prozent: Er fastet zweimal. Dann gibt er damit an, dass er von allem den Zehnten gibt, obwohl dies, ebenfalls nach den Gesetzen Moses, bei dem Kauf von Getreide, Most und Öl nicht vorgeschrieben ist. Das Merkwürdigste ist aber, dass er dafür dankt, dass er nicht wie die anderen Menschen ist, wie die Sünder im Allgemeinen. Und er schielt nach hinten auf den ebenfalls dort betenden Zöllner. Sei gesegnet, Herr, dass ich nicht bin wie dieser! Denn es ist für alle offensichtlich – und du weißt es am besten – wie sündig er ist. Er braucht diesen Zöllner wie das tägliche Brot. Denn verglichen mit dem Schmutz des – vermeintlichen oder tatsächlichen – Sünders erscheint er auf jeden Fall als rein. Der Zöllner ist der dunkle Hintergrund seines glänzenden Selbstbildnisses. Luther hat hier, in Wittenberg, im Jahre 1530 über diesen Menschen gepredigt. Er nannte ihn »einen großen heiligen Pharisäer«, was darauf hindeutet, dass er die Heuchler in seiner damaligen Kirche in dieser Figur erkennt. Er verwendet starke Worte:

Der Pharisäer, »der in seiner großen Selbstverherrlichung seinen Blick hebt und speien muss, so sehr schwelgt er darin, dass er Gott hofiert …« Luther erkennt das Wesentliche. Menschen, die sich für fromm halten, werden oft von Übelkeit ergriffen, wenn sie Sünder und Notleidende sehen. Es dreht ihnen den Magen um, wenn sie Obdachlosen, Fremden oder Behinderten begegnen.

In diesem als Gebet bezeichneten Monolog benutzt der Pharisäer durchgehend die Ich-Form: »ich faste … ich gebe den Zehnten …« In den zwei kurzen Sätzen kommt das Personalpronomen »ich« insgesamt viermal vor. Im griechischen Original lautet es »ego«. Das Gebet des Pharisäers ist nicht an Gott gerichtet – es dreht sich um sein Ego. Aus diesem Gebet fehlt Gott ganz und gar, und auch der andere Mensch. Ich zitiere wieder Luther, als er über die Pharisäer seiner Zeit spricht: »Sie hüten sich davor, zu einem armen, gebrechlichen Sünder hinzugehen und ihn zu tadeln oder ihn zu verbessern, mehr als vor dem Teufel«. Auch wenn ein solches Gebet fromm und gnadenerfüllt zu sein scheint, ist es in der Wirklichkeit gnadenlos.

Der Pharisäer unserer Zeit erwähnt in seinem Monolog, den er für ein Gebet hält, vielleicht nicht das Fasten und den Zehnten, statt dessen prahlt er mit solchen Aussagen: »Ich baue so und so viele Kirchen, ich baue das und das Projekt auf, ich mache die und die diakonische Arbeit, ich trete in der und der Fernsehshow regelmäßig auf.« Oder er gibt damit an: »Auf der Kanzel habe ich diesmal ins Schwarze getroffen. Man hat über mich gesagt: ›Jedes seiner Worte ist Gold wert.‹ Auf meine Predigt hin haben sich wieder viele zu Gott bekannt. Ich lasse die Kerze sowieso an beiden Enden brennen, ich war ja seit 20 Jahren nicht im Urlaub …«

Lassen sie uns nun den anderen Menschen betrachten: Wie betet der Zöllner? Über ihn sagt Jesus, dass er »von ferne« steht. Er weiß, dass er nicht nach vorne, zu den Frommen gehen darf, er muss am Hof der Heiden stehen bleiben. Er schlägt an seine Brust und betet: »Gott, sei mir Sünder gnädig!« Das ist ein sehr kurzes Gebet. Wie auch viele andere Gebete aus dem Neuen Testament kurz sind: »Herr, hilf uns, wir verderben!« »Ich glaube, mein Herr, hilf meinem Unglauben!« »Mein Herr und mein Gott!« Das Subjekt im Gebet des Zöllners ist nicht mehr der Mensch, sondern Gott. Er bittet Gott um Erbarmen. Er sucht nach dem barmherzigen Gott, wie auch Luther am Anfang seines Wandels zum Reformator. »Wie finde ich einen barmherzigen Gott?« Das ist auch die Frage des Menschen im 21. Jahrhundert, ergänzt um eine zweite: »Wie finde ich einen barmherzigen Nächsten?«

Am Ende des Gleichnisses spricht Jesus von einem eigenartigen Platzwechsel: »Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.« Dieser griffige Satz kommt im Evangelium und in dessen Wirkungsgeschichte in zahlreichen Formen vor. Jetzt – eine Woche nach dem Staatsgründungstag in Ungarn – zitiere ich aus den berühmten Mahnungen des Staatsgründers König Stefan an seinen Sohn. Hier lesen wir Folgendes: »Du sollst immer vor Augen halten, dass jeder Mensch im gleichen Zustand geboren wird, und dass uns nichts aufhebt, allein Demut, und nichts herabstößt, allein Übermut und Hass.« Dieses Erbe des weisen Königs müssen Politiker und Geistliche, Menschen in Führungsposition und einfache Mitbürger gleichermaßen weitertragen. Nichts hebt uns auf, allein Demut, und nichts stößt uns herab, allein Übermut und Hass.

Das scheint so einfach zu sein. Das Problem ist aber, dass später ein neuer Platzwechsel stattfinden kann. Wir identifizieren uns so stark mit dem Zöllner, verurteilen den Pharisäer so lautstark, dass wir zu Pharisäer-Zöllnern werden. Vor Jahren habe ich im Religionsunterricht an einem evangelischen Gymnasium einen Test schreiben lassen. Die Gruppe A hat die Frage bekommen: Wie betete der Pharisäer? Die meisten gaben eine richtige Antwort: »Ich danke dir, dass ich nicht bin wie dieser Zöllner.« Die Gruppe B bekam die Frage: Wie betete der Zöllner? Ein Schüler schrieb: »Ich ­danke dir, dass ich nicht bin wie dieser ­Pharisäer …« Da haben wir es.

Denken wir darüber nach, ob wir nicht diesen Fehler begehen.

Der Zöllner im Gleichnis Jesu weiß, dass er ein Sünder ist. Weder sein Geld, noch sein Rang, noch seine gesellschaftlichen Kontakte sind etwas wert. Vielleicht sagt er: »Wahrlich, ich bin ein Bettler, das ist die Wahrheit.«

Irgendwann kommt die Stunde der Wahrheit, in der nicht unsere angebliche oder tatsächliche Leistung zählt, sondern allein Gottes Gnade, die uns annimmt. Eine widersprüchliche Figur des 19. und 20. Jahrhunderts war Franz Joseph I. Über seine Beerdigung lesen wir in einem zeitgenössischen Bericht folgende Geschichte: Der Sarg des Kaisers wird mit einem Fackelzug zur Krypta getragen, in der er beerdigt werden soll. Dort angekommen klopft der Oberste Hofmeister an das Eichentor, woraufhin der Abt der Kapuziner von innen fragt:

»Wer ist da?«

»Seine Hoheit, Franz Joseph I., Kaiser von Österreich, König von Ungarn, bittet um Einlass.«

»Ignosco, ich kenne ihn nicht«, sagt die Stimme.

Wieder Anklopfen, Frage, stolze Antwort, dann die Ablehnung: »Ignosco, ich kenne ihn nicht!« Der Hofmeister klopft auch zum dritten Mal an, und die Frage kommt wieder:

»Wer ist da? Wer bittet um Einlass?«

Der Oberste Hofmeister antwortet:

»Gewährt Einlass unserem sündigen Bruder, Franz Joseph!«

Daraufhin öffnet sich das Tor.

Eine schöne Geschichte, hoffentlich ist sie auch wahr. Doch wir sollten nicht bis zu unserer Todesstunde warten, damit wir dann von jemandem anderen einen einfachen, sündigen Bruder genannt werden. Wir müssen aufrichtig so beten: Gott, sei mir Sünder gnädig. Der Apostel Paulus bekannte auch: »[Die Sünder], unter den Sündern bin ich der vornehmste« (1 Tim 1,15). Wenn wir anstelle von Selbstgefälligkeit mit dieser Demut in der Welt leben, können sich nach unserem persönlichen Beispiel vielleicht auch andere zu ihren Sünden bekennen, ihre Last ablegen, und es wird immer mehr von uns geben, die sich in den hinteren Raum der Kirche stellen. Scheinbar fern, aber in Wirklichkeit sehr nahe. Weit von den Massen, aber nahe am Herzen Gottes. Wenn immer mehr Menschen in dieser Gemeinschaft der Sündenbekenner stehen werden, erfüllt sich vielleicht, was Bonhoeffer in seiner Ethik vorgestellt hat. Dort sagt er, dass die Kirche der Ort ist, wo die Erkenntnis der Sünden real wird. Er verwendet eine eigenartige Formulierung, nämlich dass das Abendland zugeben muss, Jesus Christus abtrünnig geworden zu sein. In diesem Bekenntnis stehen unter anderem die folgenden Sätze:

»Die Kirche bekennt, ihre Verkündigung […] nicht offen und deutlich genug ausgerichtet zu haben. Die Kirche bekennt ihre Furchtsamkeit, ihr Abweichen, ihre gefährlichen Zugeständnisse. Sie hat ihr Wächteramt und ihr Trostamt oftmals verleugnet. Sie hat dadurch den Ausgestoßenen und Verachteten die schuldige Barmherzigkeit oftmals verweigert. Sie war stumm, wo sie hätte reden müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie. […] Sie ist schuldig geworden am Leben der Schwächsten und Wehrlosesten Brüder Jesu Christi. […] Die Kirche bekennt, begehrt zu haben nach Sicherheit, Ruhe, Friede, Besitz, Ehre … und so die Begierden der Menschen nicht gezügelt, sondern gefördert zu haben. […] Durch ihr eigenes Verstummen ist die Kirche schuldig geworden an dem Verlust an verantwortlichem Handeln, an Tapferkeit des Einstehens und Bereitschaft für das als recht Erkannte zu leiden.«

Dieses Gebet können wir fortsetzen. Auf Deutsch und auf Ungarisch, jeder entsprechend seiner eigenen Situation. Wir müssen im hinteren Hof der Kirche stehen bleiben. Fern, und doch nahe.

Das Gleichnis Jesu sagt, dass Rechtfertigung nur demjenigen zuteil wird, der zu diesem Sündenbekenntnis bereit ist. Bonhoeffer sagt auf prophetische Weise, dass die Kirche nur dann gerechtfertigt werden kann, wenn sie sich mit Christus identifizieren kann, der die Schande des Kreuzes und unsere Sünden auf sich nahm. Nur so kann sich das »Christus abtrünnig gewordene Abendland« durch den Glauben der Kirche erneuern.

Daher tragen wir die Verantwortung nun nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere Sünder, für unsere Kirche und für diesen sich von Christus entfernenden Kontinent Europa.

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Gleichnis Jesu sagt, dass nur diejenigen gerechtfertigt werden können, die sich zu ihren Sünden bekennen und um Erbarmen bitten. Nicht um Lob, um irdische oder himmlische Anerkennung, sondern um Gnade.

Unsere Rechtfertigung kann nur durch den Glauben, durch Gnade erfolgen. Sola gratia! Amen.

 

Auszug aus dem »Lutherischen Dienst« 4/2017. Wenn Sie die weiteren Artikel lesen möchten – etwa über 200 Jahre lutherische Tradition in Georgien oder ein Interview mit dem neuen LWB-Präsidenten Dr. Musa Panti Filibus –, dann bestellen Sie den » Lutherischen Dienst kostenlos.