![]() |
|||
| Das Diasporawerk der VELKD | |||
| Suche | Sie sind hier: www.martin-luther-bund.de · Aktuell | Druckversion | |
Aktuelle Meldung17.12.2010 - Kategorie: Aktuelles (Startseite)
Generalsekretär Martin Junge beim DNK/LWBAn der Sitzung des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes (DNK/LWB) am 2. Dezember 2010 in Hannover nahm auch der neue Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, Pfarrer Martin Junge, teil. Sein Grußwort befasst sich mit der Zukunft des LWB und auch mit der Rolle der Reformation in der heutigen Welt: Grußwort von Pfarrer Martin Junge Generalsekretär des Lutherischen Weltbunds Sitzung des DNK/LWB, Hannover, 02. Dezember 2010
Liebe Schwestern und Brüder, es freut mich sehr, heute bei Ihnen sein zu können und mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. So können wir über viele interessante Pläne reden, die uns bewegen, aber auch über die Hoffnungen und Erwartungen für unseren gemeinsamen Weg als LWB-Gemeinschaft.
Aber es freut mich ebenso, dass ich Ihnen heute auch persönlich Danke sagen kann. Der Erfolg der Vollversammlung des LWB diesen Sommer in Stuttgart gründet sich zu einem guten Stück in der hervorragenden organisatorischen Vorbereitung durch die Evangelische Kirche in Württemberg und der Gastfreundschaft dieser Kirche. Der Dank für diese Gastfreundschaft begenet mir immer wieder, wenn ich mit VertreterInnen unserer Mitgliedskirche über unsere Vollversammlung spreche.
Ich bedanke mich aber auch für die vielfältige Unterstützung all der anderen Kirchen und natürlich der Geschäftsstelle in Hannover. Ich denke zum Beispiel an die Sächsische Landeskirche, die in ganz besonderer Weise die vorbereitende Jugendversammlung unterstützt hat, sowie an alle, die das Besuchsprogramm für die ausländischen Gäste organisiert haben. Der Einblick in das Leben der Kirche vor Ort, die Einsicht, wie Armut auch die Kirchen in Deutschland herausfordert, aber auch der Besuch der historischen Lutherstätten – all das hat bei den TeilnehmerInnen der Elften Vollversammlung einen tiefbleibenden Eindruck hinterlassen. Ich freue mich auch sehr darüber und bin zutiefst dankbar, dass Ihre Verbundenheit nicht mit der Vollversammlung aufhört. Die internationale Finanzkrise hat einige der Geberkirchen im Lutherischen Weltbund in Schwierigkeiten gebracht. Die Kirchen, die Sie vertreten, konnten kurzfristig in die Bresche zu springen und die Durchführung einiger Programme damit sicherstellen. Auch Ihre Unterstützung für den Planungsprozess im LWB, den ich gleich erläutern werde, ist extrem wichtig. Bitte leiten Sie meinen Dank an die zuständigen Stellen in Ihren jeweiligen Kirchen weiter. Aber es gibt eine zweite Botschaft, die ich Sie bitte, mit nach Hause zu nehmen: Es bewegt sich etwas beim Lutherischen Weltbund.
Bereits vor der Vollversammlung haben die Mitarbeitenden in Genf begonnen darüber nach zu denken, was wir in unserer Organisation verbessern sollen. Wir werden heute in der Sitzung noch einmal Gelegenheit haben, etwas mehr darüber zu sprechen. Diese Reihe von Gesprächen dienen der Ausrichtung des LWB-»Strategieprozess«.
Ich kann mir vorstellen, dass viele von Ihnen ein solches Wort eher zwiespältig aufnehmen. Es gab viele solcher Prozesse, auch hier in Deutschland, und die Ergebnisse sind manchmal gut, oft aber auch eher gemischt. Mir geht es aber nicht darum, Begriffe aus der Organisationslehre einfach zu übernehmen. Für mich ist dieser Prozess eine geistliche Aufgabe, sowie ich unseren gesamten gemeinsamen Weg als LWB-Mitgliedskirchen in der communio als eine zutiefst geistliche Angelegenheit betrachte. Gemeinsam machen wir uns als Lutherischer Weltbund auf den Weg, Gottes Auftrag für uns, für unsere Gemeinschaft zu hören. Das beinhaltet natürlich theologische Arbeit und gemeinsames Hören auf Gottes Wort. Es ist aber ebenso meine theologische Überzeugung, dass wir Gottes Stimme hören, indem wir im intensiven Gespräch miteinander sind. Der LWB ist eine Weggemeinschaft im Dialog – das ist von je her eines seiner Markenzeichen.
Natürlich leben die Kirchen des Lutherischen Weltbunds in einer Vielzahl von Kontexten. Christus ist immer schon in allen diesen Kontexten. Wenn wir also den Weg für den Lutherischen Weltbund finden wollen, dann müssen wir sehr genau darauf hören, was Christen und Kirchen in diesen Kontexten sagen. Das ist eine besondere Aufgabe, die uns gestellt ist. Dieses Aufeinanderbeziehen von unterschiedlichen Kontexten nennen wir »transkontextuell«. In einer »transkontextuellen« Begegnung ist nicht ein Kontext wichtiger als der andere. Zum Beispiel ist der westliche Kontext nicht derjenige, der den anderen seine Methoden aufdrängt. Jeder Kontext wird in seiner Besonderheit Ernst genommen. Und in dieser transkontextuellen Begegnung entsteht etwas Neues.
Wir geben uns Mühe, dass es zu diesem Austausch kommen kann. Leider ist die Zeit knapp. Im Juni 2011 wollen wir eine gute Vorlage für die nächste Ratstagung haben. Wir haben alle unsere Mitgliedskirchen und unsere Schlüsselpartner um ihren inhaltlichen Beitrag gebeten. Wir sind froh, schon eine ganze Reihe von Rückmeldungen zu haben – unter anderen auch von Ihnen. In den nächsten zwei Wochen werden wir intensiv die Ratsmitglieder anhören, die in besonderer Verantwortung zum Lutherischen Weltbund stehen. Alle Mitglieder des Rates werden persönlich angerufen und in einem vergleichbaren Leitfaden-Interview nach ihrer Einschätzung aus ihrem Kontext befragt. Eine weitere wichtige Ressource sind die Mitarbeitenden des Sekretariats aus allen Regionen. Auch auf sie lohnt es sich genau zu hören.
Dieser Strategieprozess ist also in erster Linie ein Prozess des Aufeinanderhörens. Meine Hoffnung ist: Im Reichtum der Stimmen, die wir von vielen Kontexten hören, können wir dann auch Gottes Stimme erkennen und Klarheit für unseren gemeinsamen Weg gewinnen. Es ist nämlich absolut klar: wir müssen Prioritäten setzen. Wir müssen unsere Aufgaben so bennenen und in Programme umsetzen, dass sie sowohl relevant sind für unseren gemeinsamen Weg als LWB-Gemeinschaft, als auch nachhaltig im Hinblick auf die anzuwendenden Ressourcen. Besonders wichtig werden in dieser Hinsicht die Überlegungen bezüglich der zukünftigen Rolle und Methodik des LWB-Sekretariats sein, sowie das Zusammenspiel des Sekretariats mit den LWB-Mitgliedskirchen und ihren vielfältigen Einrichtungen.
Sie merken, es geht bei diesem Strategieprozess nicht einfach um eine Methodik ein Positionspapier zu produzieren. Es geht darum, zu leben, was wir durch Gottes Geschenk schon sind. Es geht darum, auf unserem Weg der communio weiter zu gehen. Und das kann natürlich nicht auf den Strategieprozess beschränkt bleiben. Es wird die Grundlage dafür sein, wie wir weltweite Diakonie betreiben, wie wir als Kirchen gemeinsam lernen neuen Herausforderungen zu begegnen, wie wir Kirchen zusammen bringen, wie wir Leitungsrollen für Frauen und die Gleichheit von Frauen und Männern unterstützen, wie junge Menschen bei uns begeistert das Evangelium leben und weitergeben können. Das alles und wahrscheinlich noch mehr können wir als communio tun. Und deswegen ist mir auch besonders wichtig, dass wir das Reformationsjubiläum 2017 als eine communio angehen. Der LWB-Exekutivausschuss hat in der vergangenen Woche ausführlich darüber geredet. Lassen Sie mich einige Gedanken beitragen, was es bedeuten kann, dieses Ereignis als communio anzugehen: Die Reformation nahm in Deutschland ihren Anfang. Aber heute gehört sie der Welt. Im Jahr 2017 jährt sich zum 500. Mal, dass ein junger Mönch eine besondere Erfahrung mit Gott und eine erneuerte theologische Erkenntnis nicht für sich behalten hat. Er erzählte sie weiter, stritt mit anderen um das richtige theologische Verständnis – und veränderte damit die Welt für immer. Diese Erkenntnis hat Luther aus einer tiefen Beschäftigung mit der Heiligen Schrift gewonnen: Gott, der Ursprung allen Seins, ist kein unbarmherziger Richter. Im Gegenteil, Gott wendet sich in Jesus Christus den Menschen wohlwollend zu. Mit dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi öffnet Gott die Grenzen zwischen Menschen und die Grenze zwischen Mensch und Gott. Gott tut das aus Gottes freiem Willen – ohne irgendeinen Verdienst des Menschen. Natürlich wurde diese reformatorische Grunderkenntnis in einem bestimmten Kontext formuliert. Luther lebte im 16. Jahrhundert in der Mitte Deutschlands unter ganz bestimmten religiösen, politischen und wirtschaftlichen Umständen. Aber der Lutherische Weltbund ist der Beweis, dass die Bedeutung der Erkenntnis Luthers nicht auf den Grossraum Wittenberg beschränkt ist. Gott wendet sich uns gnädig zu – das ergibt Sinn überall, wo Menschen leben. Auf der Grundlage dieser wahrlich frohen Botschaft haben sich lutherische Kirchen in allen Teilen der Welt gebildet. Sie geben die Botschaft in Wort und Tat weiter gemäß unterschiedlicher kulturelle Bedürfnisse und Möglichkeiten. Wenn wir auf 500 Jahre Reformation zurückblicken, dann darf diese globale Bedeutung nicht einfach nur benannt werden. Kirchen aus der ganzen Welt müssen das gemeinsame Reflektieren und Feiern gestalten. Sie müssen sich in ihrem theologischen Denken und praktischen Handeln gegenseitig herausfordern. Martin Luther war ein zentrales Instrument der Reformation. Trotzdem gehört die Reformation nicht allein den Lutheranern. In unseren Vorbereitungen auf das Reformationsjubiläum spielt die ökumenische Dimension eine wichtige Rolle. Und das ist tatsächlich notwendig.Viele protestantische Kirchen gründen sich auf die reformatorische Erkenntnis Luthers. Mit ihnen gemeinsam ringen wir um ein immer wieder erneuertes Verständnis. Es geht ja um die ecclesia semper reformanda, ein theologumenon das niemals als Privatbesitz lutherischer Kirchen gedacht war, sondern als ein Prinzip für die gesamte Kirche.
Im Jahr 1999 haben die Römisch-Katholische Kirche und der Lutherische Weltbund die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre abgegeben. Darin kann die Römisch-Katholische Kirche anerkennen, dass sie den Grundwahrheiten der Reformation zur Rechtfertigungslehre zustimmt. Nicht erst seit 1999 sind unsere Kirchen wichtige Partner. Diese Partnerschaft in den unterschiedlichen Ausprägungen in allen Weltregionen gehört zu 2017. In diesem Sommer (Juli 2010) hat sich der Lutherische Weltbund erneut auch den problematischen Aspekten der Reformation gestellt. Der Lutherische Weltbund bittet durch den Beschluss der Vollversammlung die Mennoniten um Vergebung für die Verfolgung, die sie durch Lutheraner erleiden mussten. Für mich war es ein bedeutendes Ereignis. Wir müssen uns darin erinnern, dass die Tradition unseres Glaubens, die für mich vor allem Frieden heisst, faktisch auch für Menschen Gewalt bedeutet hat. Auch dieses Erinnern gehört zur Feier des Reformationsandenken in ökumenischer Verantwortung.
Außerdem unterhält der Lutherische Weltbund viele gute Gespräche mit anderen Kirchen, zum Beispiel den Kirchen in orthodoxer und pfingstlerischer Tradition.
Die Leuenberger Konkordie (1973) ist ein weiterer wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang. Auch nachdem lutherische, reformierte und unierte Kirchen in Europa 1973 ihre Kirchengemeinschaft erklärt haben, bleiben sie in der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) verbunden und erinnern uns: lutherische Reformation kann nicht isoliert von weiteren Reformprozessen betrachtet werden, die zum Teil massgeblich von ihr bestimmt wurden. Das Reformationsjubiläum 2017 darf nicht einfach einfach eine Erinnerung an eine bedeutende Vergangenheit sein. 2017 muss uns erinnern an Gottes Zukunft für die Welt. Die vergangenen Jahrzehnte haben uns global ein nie gekanntes Maß an Ungleichheit gebracht. Nur ein Beispiel: Fast eine Milliarde Menschen auf der Welt haben nicht genug zu essen, während über eine Milliarde Menschen übergewichtig sind ist. Aber in anderen Bereichen sieht es nicht anders aus. Wir haben Schwestern und Brüder, die unter Krieg und Unsicherheit, Menschenrechtsverletzungen und Ausbeutung leiden. Das aktuelle Weltwirtschaftssystem macht immer noch Menschen zu Verlierern und zerstört die Lebensgrundlagen der nächsten Generationen. Grundsätzlich scheint eines der Grundübel heute darin zu bestehen, dass wir von Ressourcen leben wollen, die es in dieser Form gar nicht gibt. Das gilt für die Finanzkrise, das gilt aber auch für die ökologische Krise. Beide sind Ausdruck einer ähnlichen Maßlosigkeit. Religionen – nicht nur die christliche! – gehören nach meiner Auffassung zu einer ungeahnten Ressource, um dieser Maßlosigkeit zu begegnen. Die Grunderkenntnis der Reformation ist, dass sich Gott uns Menschen bedingungslos zuwendet. Deswegen müssen wir die Erinnerung an die Reformation auch gerade dafür nutzen, dass wir in allem, was wir tun, die Würde des Menschen in das Zentrum stellen – egal wo er lebt. Das bedeutet, dass Kirchen für die Schwächsten einstehen und neue Ideen entwickeln, wie wir dieser Verantwortung gerecht werden können. Das ist für mich die wichtige Botschaft der LWB-Versammlung in Stuttgart: die communio sieht ihre Verantwortung für den Nächsten; die communio kehrt der Welt und ihren Nöten nicht den Rücken, sondern wendet sich ihnen zu! Und natürlich geht es auch immer um neue Ideen für unsere Verkündigung. Luther und seine Freunde arbeiteten in einer religiös eindeutigen Situation. Natürlich gehörte jeder zur Kirche und war Christ. Die Diskussion entzündete sich daran, wie diese Kirche sein soll. Luthers Beiträge waren theologische Stellungnahmen in einer Zeit, in der Kirche grundsätzlich bejaht wurde. Heute stellen viele infrage, ob es eine Kirche überhaupt braucht. Wir leben in Gesellschaften, in denen viele Religionen nebeneinander stehen. Für viele ist die Bedeutung des Glaubens nicht mehr leicht zugänglich. In dieser Situation begegnen wir Luthers Entdeckungen als eine weltweite Gemeinschaft. Ich glaube dieser globale Zugang wird uns überraschende neue Perspektiven eröffnen. Zusammenfassend erwarte ich von diesem Reformationsjubiläum eine Feier aus Dank über die gnädige Zuwendung unseres Gottes, aber auch das Eingeständnis unser Fehler. Es soll ein Jubiläum in globaler Weite und ökumenischer Offenheit werden. In dem wir nicht, die Macht von Institutionen in das Zentrum stellen, sondern die Zuwendung Gottes zu uns Menschen – gerade denen, die es am meisten brauchen.
|
|||
| Kontakt | Seitenübersicht | Impressum | © 2003-2012 Martin-Luther-Bund | |||